Die Rijksinspectie Digitale Infrastructuur (RDI), die niederländische Aufsichtsbehörde für digitale Infrastruktur, hat 26 Entwicklungen erfasst, die die digitale Infrastruktur in den kommenden zehn Jahren betreffen. Agentic AI, KI-gesteuerte Cyberangriffe, Lieferkettenangriffe und die Quantenbedrohung erhalten die höchste Impact-Bewertung. Zudem stellt die Behörde eine wachsende Resilienzlücke zwischen dem Mittelstand und Großunternehmen fest.
Der Trendradar 2026-2035 ist die fünfte Ausgabe der Übersicht, die die RDI regelmäßig veröffentlicht. Die Behörde hat die Liste gemeinsam mit 30 Fachleuten aus Wirtschaft, Wissenschaftseinrichtungen und öffentlicher Hand erstellt. Die Trends sind drei Themenfeldern zugeordnet: Technologie, Geopolitik und Gesellschaft. Jeder Trend erhält eine Impact-Bewertung (hoch, mittel oder niedrig) sowie einen Zeitraum, in dem die RDI seinen Höhepunkt erwartet. Die Behörde nutzt den Radar, um ihre eigene Aufsicht zu priorisieren, richtet sich mit dem Bericht aber auch an politische Entscheidungsträger und Unternehmen der digitalen Infrastruktur.
KI auf beiden Seiten des Angriffs
Laut der RDI werden KI-Systeme seit 2025 immer häufiger miteinander verknüpft und mit einem Ziel ausgestattet, das sie weitgehend selbstständig erreichen. Mit den entsprechenden Berechtigungen können solche Agents Transaktionen ausführen, Systeme steuern und Entscheidungen im Namen der Nutzer treffen. Die Behörde bewertet diesen Trend mit hohem Impact in einem Zeitraum von null bis drei Jahren. Agentic AI lässt sich auch für autonom ausgeführte Ransomware-Angriffe einsetzen oder dafür, Schwachstellen selbstständig aufzuspüren und auszunutzen.
Die RDI stellt fest, dass KI die Einstiegshürde für Cyberkriminalität senkt, da Sprachmodelle Angriffscode generieren und Angriffe automatisieren können. Als Beispiel nennt der Bericht den Einsatz der Malware LAMEHUG im Jahr 2025 durch die Russland zugerechnete Gruppe APT28. Unternehmen bleibt dadurch weniger Zeit, Schwachstellen zu beheben. Eine wirksame Verteidigung erfordert laut der Behörde oft selbst den Einsatz von KI.
Lieferkettenangriffe und der Mittelstand
Staatliche Akteure führen Angriffe immer häufiger über Dritte wie kriminelle Gruppen aus, wodurch sich der Auftraggeber schwerer ermitteln lässt. Zudem nehmen Angreifer häufiger Lieferanten und Subunternehmer ins Visier. Die RDI verweist auf SolarWinds im Jahr 2020, den Einbruch beim Dateiübertragungsprogramm Cleo im Jahr 2024 und die Ausnutzung von Citrix-Schwachstellen im Jahr 2025. Der Mittelstand ist laut dem Bericht häufiger Ziel als Großunternehmen, was Angriffe weniger sichtbar macht.
Gleichzeitig hinkt die Cyberresilienz des Mittelstands hinterher, vor allem bei komplexeren Maßnahmen wie der Datenverschlüsselung. Da mittelständische Unternehmen Teil kritischer Lieferketten sind, macht diese Lücke laut der Behörde die gesamte digitale Infrastruktur verwundbarer.
Quanten und Regulierungsdruck
Die RDI warnt vor „Harvest now, decrypt later“: Staatliche Akteure speichern verschlüsselte Kommunikation schon heute, um sie später mit Quantencomputern zu entschlüsseln. Die Behörde ruft Unternehmen dazu auf, bereits jetzt mit der Umstellung auf Post-Quanten-Kryptografie zu beginnen, auch ohne gesetzliche Verpflichtung. Diese Umstellung erfordert Zeit und mitunter neue Hardware, vor allem bei Systemen mit langer Lebensdauer.
Bei der Gesetzgebung sieht die RDI ein Spannungsfeld. Die Häufung von DSGVO, NIS2, DORA, Data Act und KI-Verordnung macht die Einhaltung komplex und kostspielig, vor allem für kleinere Organisationen. Die EU setzt auf Vereinfachung, doch laut dem Bericht kann dies dazu führen, dass Risiken weniger gut abgedeckt sind. Ein wankelmütiger Gesetzgeber erschwert es zudem vorherzusehen, welche Anforderungen Unternehmen erfüllen müssen.
Verfügbarkeit weniger selbstverständlich
Die Niederlande erreichen derzeit eine Verfügbarkeit von mehr als 99,98 Prozent bei kritischer Infrastruktur. Die RDI erwartet, dass sich der Schwerpunkt durch hybride Bedrohungen von kontinuierlicher Verfügbarkeit hin zur Fähigkeit verschiebt, Störungen abzufangen. Zusätzlicher Druck entsteht laut dem Bericht durch den steigenden Energie- und Wasserverbrauch von Rechenzentren und KI sowie durch den anhaltenden Mangel an IT-Fachkräften. Da KI vor allem Aufgaben von Berufseinsteigern übernimmt, erwartet die Behörde, dass langfristig weniger Menschen in Senior-Positionen aufsteigen.
Den vollständigen Bericht finden Sie unter Trendradar 2026-2035.
Dieser Artikel ist ursprünglich auf Niederländisch bei MSP Business erschienen. Zum Originalartikel →
